
Notvorrat für zehn Tage, Krisenpaket für 72 Stunden: Die Behörden in Deutschland, Österreich und der EU raten uns, Vorräte anzulegen. Doch ein Regal voller Konserven ersetzt weder echte Selbstversorgung noch frisches Gemüse.
Montag, 2. November, mitten in der Nacht. In Supermärkten in Schweden, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Irland und Estland steigen die Temperaturen in den Kühl- und Gefriertruhen, teilweise bis auf 50 °C. Joghurt, Käse, Fleisch, abgepackter Salat: Alles verdirbt. „Alles ist verdorben“, sagt eine Filialleiterin in Stockholm.
Kein Defekt. Kein Stromausfall. Unbekannte haben aus der Ferne die Steuerungen der Kühlanlagen übernommen und sie auf Abtauen gestellt. Betroffen sind große Ketten wie Delhaize, Carrefour, ICA, Coop oder SuperValu, in insgesamt sieben europäischen Ländern. Die Angreifer nutzten offenbar ältere Steuerungssysteme, die über das Internet erreichbar waren und keine Sicherheitsupdates mehr erhielten. Es ist bereits die zweite Welle: Mitte Oktober waren schon Hunderte Märkte betroffen.
Und bei uns? In der Schweiz hat Coop Angriffsversuche registriert, die abgewehrt wurden. In Deutschland melden Rewe, Penny, Lidl und Kaufland bislang keine Vorfälle. Der Cybersicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker, der Bundesregierung und EU-Kommission berät, warnt dennoch: Das sei „nur ein Vorgeschmack“, ähnliche Systeme seien auch bei deutschen Ketten im Einsatz. In Österreich spricht das Innenministerium von einer weiterhin hohen Bedrohungslage, und ein Experte von PwC Austria räumt ein, dass sich die Grundversorgung nie vollständig schützen lässt.
Vor zwei Jahren hätte dieses Szenario nach einem schlechten Film geklungen. Heute steht es in den Nachrichten. Und genau für solche Situationen bitten uns die Behörden inzwischen, Notvorräte anzulegen.
Notvorrat: Was Deutschland, Österreich und die EU empfehlen
Wer vor wenigen Jahren Wasser und Konserven gehortet hat, galt schnell als Prepper. Heute sind es die Staaten selbst, die dazu raten.
Im März 2025 hat die EU-Kommission ein gemeinsames Ziel formuliert: Jeder Haushalt soll mindestens 72 Stunden ohne Einkauf und ohne öffentliche Versorgung auskommen können. Deutschland geht deutlich weiter. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt in seinem neuen Ratgeber für Notsituationen einen Vorrat für zehn Tage. Schon drei Tage würden „sehr helfen“, heißt es dort. Österreich rät sogar zu Lebensmitteln und Wasser für zehn bis vierzehn Tage für alle Haushaltsmitglieder.
Auch außerhalb der EU zieht man nach: Großbritannien hat in diesem Herbst seine Kampagne „Be Ready“ gestartet. Drei Liter Trinkwasser pro Person und Tag, haltbare Lebensmittel, Vorsorge für Strom-, Wasser- oder Internetausfälle.
Die Begründungen sind immer dieselben: geopolitische Spannungen, Cyberangriffe, Extremwetter. Die eigentliche Botschaft verdient aber, dass man kurz innehält. Sie lautet sinngemäß: Im Ernstfall sind Sie in den ersten Tagen auf sich allein gestellt.
Lebensmittelvorrat: Das große Vergessene ist frisches Gemüse
Schauen Sie sich die offiziellen Checklisten genau an. Konserven, Zwieback, Trockenobst, Nudeln, Reis. Alles, was ohne Kühlschrank auskommt. Für ein paar schwierige Tage ist das logisch.
Aber niemand lebt auf Dauer von Konserven. Und gerade Obst und Gemüse verschwinden als Erstes aus den Regalen, wenn die Maschine ins Stocken gerät.
Warum? Weil Frischware das anspruchsvollste Produkt der ganzen Kette ist. Sie muss angebaut werden, oft weit weg. Schnell transportiert werden. Auf jeder Etappe gekühlt bleiben. Innerhalb weniger Tage verkauft werden. Supermärkte arbeiten mit knapper Lagerhaltung, die Ware kommt „just in time“. Fällt ein einziges Glied aus, sind die Regale leer.
Bei der Energie haben wir es bereits erlebt: Die Krise um die Straße von Hormus hat Treibstoff, Dünger und Verpackungen verteuert, und die Europäische Zentralbank erwartet, dass diese Kosten bis Ende 2026 bei den Lebensmitteln ankommen. Wir haben darüber in Iran: für meine Autonomie, jetzt oder nie und Was ist, wenn morgen alles vorbei ist? geschrieben. Jetzt erleben wir es mit der Kühlung: Ein paar Zeilen Code haben gereicht, um ganze Regalreihen in Müll zu verwandeln.

Selbstversorgung: Ein Vorrat geht zur Neige, ein Garten wächst nach
Vorräte anzulegen ist gut. Aber es ist eine Überbrückung. Nach drei Tagen, nach zehn Tagen, nach zwei Wochen ist die Speisekammer leer, und man steht wieder in derselben Schlange, in der Hoffnung, dass die Regale gefüllt sind.
Genau hier liegt das eigentliche Problem. Wir haben unsere Ernährung fast vollständig einer Handvoll Handelsketten anvertraut, Lastwagen, die quer durch Europa fahren, und inzwischen auch Computerservern. Solange alles läuft, ist das bequem. An dem Tag, an dem es hakt, haben wir keinerlei Einfluss.
Die Kontrolle zurückzugewinnen heißt nicht, einen Bunker zu bauen oder der Gesellschaft den Rücken zu kehren. Es heißt, einen Teil dessen, was man isst, selbst zu erzeugen, und zwar vor allem das, was am empfindlichsten ist: das Frische. Eine Reihe Salat fällt nicht aus. Eine Tomatenpflanze hängt nicht von einem Server in Dänemark ab.
Die Behörden bitten uns, zehn Tage durchzuhalten. Was wäre, wenn wir stattdessen anstreben, gar nicht mehr von der Obst- und Gemüseabteilung abhängig zu sein?
Fünf einfache Schritte zu mehr Selbstversorgung
Selbstversorgung hängt nicht an einem einzigen Hebel. Hier sind einige gut machbare Schritte, die sich ergänzen.
Ein paar Hühner halten. Zwei oder drei Legehennen decken einen großen Teil des Eierbedarfs einer Familie über weite Strecken des Jahres. Sie fressen Küchenabfälle, düngen den Boden und brauchen nur einen geschützten Stall und einen kleinen Auslauf. Ein Hinweis: Auch Hobbyhaltungen müssen in Deutschland und Österreich in der Regel beim Veterinäramt gemeldet werden, in Österreich innerhalb von sieben Tagen. Werfen Sie außerdem vorher einen Blick in die Vorgaben Ihrer Gemeinde oder Ihrer Wohnanlage.
Obstbäume pflanzen. Wenn Sie Platz haben, ist das die geduldigste und großzügigste Investition überhaupt. Und der Zeitpunkt passt: Der Herbst ist die klassische Pflanzzeit für wurzelnackte Obstbäume, solange der Boden nicht gefroren ist. Kein großer Garten? Säulenobst, Spalierobst oder Beerensträucher (Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren) passen fast überall hin.
Regenwasser sammeln. Eine Regentonne oder Zisterne am Fallrohr liefert kostenloses Gießwasser und einen Vorrat, der nicht vom Netz abhängt, wenn Gemeinden im Sommer die Wasserentnahme einschränken.
Eigenes Saatgut gewinnen. Mit samenfesten Sorten ernten Sie Ihr Saatgut von Jahr zu Jahr selbst. Ein gut ausgewähltes Saatgut-Set ist schon eine kleine Versicherung für die kommenden Saisons.
Einkochen wieder entdecken. Weckgläser, Milchsäuregärung, Dörren: Diese Techniken unserer Großeltern verwandeln einen Ernteüberschuss in einen Wintervorrat. Ihr Notvorrat, nur selbst gemacht.

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Die Behörden bitten Sie, zehn Tage durchzuhalten. Mit einem Myfood-Gewächshaus können Sie das ganze Jahr anpeilen.

